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“The Gentlemen” Review (8/10) – Guy Ritchie’s neustes Meisterwerk überzeugt aber überrascht nicht

Der britische Star-Regisseur, welcher um die Jahrtausendwende mit Filmen wie Bube, Dame, König, Gras (1998) oder Snatch – Schweine und Diamanten (2000) quasi sein eigenes Film-Genre “die britische Gangster-Komödie” erfand, ist hierführ inzwischen unumstösslich in den Köpfen vieler Liebhaber rasant erzählter und gut durchdachter Gangster-Filme verankert. Seine neuste Produktion The Gentlemen , welche aktuell die Leinwände unsere Kinos beehrt, wirkt dabei über weite Strecken wie Rundumschlag zurück zu den Wurzeln, fernab von seinem letzten Actionspektakel King Arthur: Legend Of The Sword (2017). Doch kann der vermeintliche neu Geniestreich an die Genialität seiner inzwischen 20 Jahre alten Klassiker anknüpfen? Die Antwort ist: Ja, aber…

Typisch Guy Ritchie: The Gentlemen ist eine waschechte, britische Gangstergeschichte

The Gentlemen erzählt die Geschichte von Mickey Pearson (Matthew McConaughey), einer von Englands einflussreichsten Marihuana-Produzenten, und seinem Weg in den vermeintlichen Ruhestand. Wer Guy Ritchie kennt weiss, dass die Geschichte, so simpel sie auch beginnen mag, mit jeder verstrichenen Filmminute an Komplexität gewinnt und der Zuschauer folglich fortlaufend mit neuen Charakteren, Wendungen und Rückblendungen konfrontiert wird, welche mit ebenso messerscharfen wie charakterstarken und teils absurd-komischen Dialogen untermauert sind. So wird bald Ray (Charlie Hunnam) als “Rechte Hand” von Mickey und Fletcher (Hugh Grant) als narzistischer Privatdetektiv in das Geschehen rund um mysteriöse Todesfälle und Machtspielchen im Kampf um die gewinnreichste Marihuana-Plantage Englands eingeführt, welche fortan – nebst vielen weiteren Guy-Ritchie-typisch schrägen aber charmvollen Nebenfiguren – den Hauptstrang der Geschichte forwärts bringen.

Typisch Guy Ritchie: Die Story macht’s aus!

The Gentlemen bildet nicht nur keine Ausnahme in seinem Portfolio, der Film zelebriert Guy Ritchie’s unverkennbare Handschrift sogar in einem Masse, dass dem Beobachter schnell klar wird: Der Grossmeister der “britischen Gangster-Komödie” schöpft bei seinem neusten Werk aus dem Vollen seiner unverwechselbaren Storytelling-Künste und schreitet gleichzeitig mit grossem Fuss zurück zu seinen hauseigenen Klassikern wie Snatch oder Bube, Dame, König, Gras , an dessen Erfolg der Film direkt anzuknüpfen versucht. Das Highlight des Filmes sind dann auch weder in sich zusammenkrachende Hochhäuser, noch wilde Verfolgungsjagten mit explodierenden Autos oder nuklear bestückte U-Boote, welche mit Überlichtgeschwindigkeit in einer anderen Dimension einer Riesenechse ins Gesicht fliegen – es ist ganz simpel und banal die Geschichte, welche das Herzstück sowie das Kronjuwel von The Gentlemen ausmacht. Dabei macht Guy Ritchie keinen Hehl draus: Die Geschichte wird sogar fortlaufend in Form eines Dialoges zwischen Ray (Charlie Hunnam) und Fletcher (Hugh Grant) erzählt, was dem Film unweigerlich den Touch eines klassischen Sonntagskrimis mit Verhörzimmer-Atmosphäre verleit – wären da nicht erwähnten, Guy Ritchie-typisch zackigen, verflochtenen und wild aufeinanderfolgenden Rückblenden und Szenenwechsel, welche den Film wieder zurück in die Moderne holen.

Musikalisch guter Durchschnitt

Der Film spielt musikalisch Guy Ritchie-Like mit ein paar auserlesenen Songs zu pointierten Höhepunkten. Dies macht Spass und schührt die Lust auf mehr. Dennoch verfehlt der Film, musikalisch ein alleinstehungsmerkmal aufzubauen. Die Songs sind allesamt cool und stimmig in den Film eingefügt, dennoch erreichen sie nicht die Klasse eines Quentin Tarantino – was an sich aber auch eine enorme Meisterleistung darstellen würde. Nur: warum nicht? Guy Ritchie hätte bestimmt das Zeug dazu. Daher: Musik okay, mehr als gehobener Durchschnitt dann aber doch nicht.

Schauspielerisch solide umgesetzt

Hugh Grant als Fletcher will man so zunächst gar nicht ernst nehmen – zu sehr erinnert der vermeintliche Bad Boy an viele seiner Rollen in Romanzen wie Nothing Hill (1999) oder About a Boy (2002). Sieht man am Ende jedoch das Gesamtbild des Films, passt der Schauspieler dann aber doch auf seine schräg-narzistisch-weibliche-Bad-Boy-Art in das Konzept des nicht ganz koscheren und ernst zu nehmenden Privatdetektiven. Auch wirkt Hugh Grant, als hätte er total Spass gehabt an seiner neuen Rolle – endlich mal Ausbrechen! Charlie Hunnam, welcher bereits 2017 in Guy Ritchies Märchenepos King Arthur: Legend of the Sword die Hauptrolle übernehmen durfte, wirkt parrallel dazu schon fast etwas zu konservativ, brav und zurückhaltend – Absicht? Gemeinsam bilden die beiden einen guten Kontrast zwischen geerdeter Standfestigkeit und wackeligem Luftibus, welche quasi wie in einem kumpelhaften Verhör die Geschichte konstant vorantreiben. Matthew McConaugh als Mickey Pearson zu guter Letzt, passt herrvorragend in seine Rolle als Anführer und selbsternannter “Löwe im Dschungel”. Über das gesamte Spektrum haben die verschiedenen Figuren des Films ihre Rollen glaubwürdig wahrgenommen und es kommt regelmässig das Gefühl auf, hier hatte man viel Spass am Set. Alle Nebenfiguren in diesem Review zu erwähnen, würde definitiv den Rahmen sprengen. Festgehalten kann aber klar werden, dass alle Schauspieler und Schauspielerinnen die Stimmung des Films gut umzusetzen vermochten und das schwächste Glied in der Kette – falls ein solches denn existieren sollte – wie das Haar in der Suppe gesucht werden müsste, um hier den Film ernsthaft kritisieren zu wollen. Zu guter Letzt möchte ich in diesem Zusammenhang Colin Farrell als “Coach” erwähnen, welcher mit seiner Darbietung als wohl abgefahrendster Jugendarbeiter 2020 eine Figur erschaffen hat, welche durch seine gute schauspielerische Umsetzung auch nach dem Rollen der Credits noch in Erinnerung bleibt.

Fazit: The Gentlemen, die Wiederzubereitung eines alten Festmahls, welches immer noch schmeckt

“Never touch a running system” – Guy Ritchies streich The Gentlemen könnte nicht treffender mit dieser alten Binsenweisheit des Computerzeitalters verglichen werden. Was bei seinen Klassikern wie Snatch oder Bube, Dame, König, Gras funktionierte, funktioniert auch bei seinem neusten Werk: Ein vermeintlich simpler Ausschnitt aus dem Leben eines Kleinkriminellen entpuppt sich fortwährend zu einem Netz aus unerwarteten Konsequenzen für eine Menge zwielichter oder zumindest als “speziell” zu bezeichnenden Gestalten, was letztlich zum Auslösen einer regelrechten Lawine aus schrägen und gewollt-ungewollten “Zufällen”, Wendungen und Zusammenstösse verschiedenster Handlungsstränge führt. Alles baut sich folglich zum grossen, mit viel Spannung erwarteten Finale auf, welches wiederum alles bis anhin geschehene in den Schatten stellt und den Film noch einmal um weitere Twists ergänt. Trotzdem erreicht der Film abschliessend nicht die selbe Genialität wie seine geistigen Vorgänger: Etwas zu träge, einen tick zu unspektakulär und ein wenig zu vorhersehbar flimmert The Gentlemen über die Leinwand, als dass er seine Brüder und Schwestern noch übetrumpfen könnte. Auch wirkt der Film für Kenner von Guy Ritchie schon fast zu brav, zurückhaltend und angepasst, als dass er als ernsthaften Anwärter eines neuen Meilensteins im Genre gesehen werden könnte. Dennoch macht The Gentlemen vieles, und vor allem das Wesentliche, richtig: Die Geschichte ist spannend erzählt und frisch umgesetzt, die verschiedenen Charakter sind zwar nicht ganz so Guy-Ritchie-Like abgefahren und ausgefallen wie sonst üblich, aber dennoch speziell genug, um in Erinnerung zu bleiben. Zudem bleibt der Film dank dem flotten Erzähltempo, den vielen Wendungen sowie den teilweise herrlich-abgefahrenen Dialogen durchgehend spannend und unterhaltsam – letztendlich das Killer-Kriterium eines Films. Unterhaltsames Kino also für jeden, der gerne Krimis der etwas moderneren Art hat oder allgemein Gefallen an rasant erzählten und geschickt verschachtelten Geschichten findet. Dieses Mal sogar ein Guy Ritchie Film, welcher dank dem allgemein sparsameren Umgang mit Gewalt und Obszönität auch für das breitere Publikum geeignet ist – zu Lasten jedoch von Ausdruckskraft und Charakterstärke Endproduktes. Wer neu in diesem Genre gestrandet ist und Lust auf mehr hat, sollte folglich unbedingt seine Klassiker Bube, Dame, König, Gras oder Snatch – Schweine und Diamanten nachholen – es lohnt sich!

The Gentlemen – TOTAL: 8/10 Punkte
Story: 8/10
Kreativität, Innovation: 7/10
Spannung: 9/10
Acting: 8/10

Musik, Ton: 6/10

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